Ein Gefühl von Zeitlosigkeit und Unsterblichkeit findet sich häufig in Liebesgedichten, es gehört zur Liebe als Pendant zur sinnlichen Leidenschaft. Baudelaire lässt dies in seiner Hymne prachtvoll erklingen, Rückert findet in Ich denk an dich Halt in den unsicheren Fluten des Lebensmeeres. Whitman hingegen gewahrt sich im wallenden Ozean der Menge durch die Elemente der Natur zeitlos mit seiner Liebe verbunden, während Tennyson sie in Liebe und Tod zur unvergänglichen Herrscherin des Alls erklärt.
Charles Baudelaire (1821-1867)
Hymne
Dich, schöne Liebe, schöne Süße,
Dich Engel, der zum Licht mich weiht,
Unsterbliches Idol, dich grüße
Ich glühend in Unsterblichkeit.
Du flutest durch mein ganzes Leben
Gleich einem Seewind, herb und rein,
Und meiner Seele bangem Streben
Flößt du Begehr nach Ewgem ein.
Stets frischer Wohlgeruch, der blühend
Ein lieb Gemach in Düfte taucht,
Vergessner Weihrauch, der erglühend
Geheim in tiefer Nacht verhaucht!
Wie soll ich nennen dich in Wahrheit,
Demantenreine Liebesglut,
Die in der Seele ewger Klarheit,
Ein Ambrakorn, verborgen ruht?
Dich, schöne Gute, schöne Süße,
Die Kraft und Freude mir verleiht,
Unsterbliches Idol, dich grüße
Ich glühend in Unsterblichkeit.
(aus dem Französischen von Wolf von Kalckreuth)
Friedrich Rückert (1788-1866)
Ich denk' an dich...
Ich denk' an dich, und meine Seele ruht
In dem Gedanken aus an dich,
Dem Schiffer gleich, der aus bewegter Flut
Zum stillen Hafen rettet sich.
Als wie am Tag ein wilder Vogel fliegt,
Waldaus, Waldein, nach seiner Lust,
Doch bei der Nacht ins weiche Nest sich schmiegt,
So schmieg' ich mich an deine Brust.
Ich ruh' in dir, in deiner Liebe ruht
Der Drang der Seele wild und scheu;
Unsicher ist des Lebensmeeres Flut,
Und du allein bist ewig treu.
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Walt Whitman (1819-1892)
Aus dem wallenden Ozean der Menge
Aus dem wallenden Ozean der Menge kam ein Tropfen sanft zu mir,
flüsternd: Ich liebe dich, bald werde ich sterben,
ich bin einen langen Weg gereist, nur um dich zu sehen, zu berühren,
weil ich nicht sterben konnte, ehe ich dich einmal gesehen habe,
weil ich fürchtete, dich danach zu verlieren.
Nun haben wir uns getroffen, haben uns gesehen, wir sind geborgen,
kehren in Frieden zum Ozean zurück, meine Liebe,
auch ich bin Teil des Ozeans, meine Liebe, wir sind nicht völlig getrennt,
Sieh das gewaltige Rund, den Zusammenhang von allem, wie vollkommen!
Aber für mich, für dich bedeutet das unaufhaltsame Meer Trennung,
trägt uns für eine Weile auseinander, doch kann uns nicht für immer auseinander tragen;
sei nicht ungeduldig - eine kurze Weile - wisse, dass ich die Luft, den Ozean und das Land grüße,
jeden Tag bei Sonnenuntergang um deinetwillen, meine Liebe.
(aus dem Englischen von Jim Doss und Wersch)
Alfred Lord Tennyson (1809-1892)
Liebe und Tod
Die Liebe schritt, als voll das Mondlicht schien,
Des Paradieses Thymianflur entlang
Und spähte hell umher auf ihrem Gang.
Da sah sie plötzlich unterm Eibenbaum
Alleine wandelnd, redend wie ein Traum,
Den Tod; zum ersten Male sah sie ihn.
Flieh, sprach der Tod; denn dieser Pfad ist mein!
Die Liebe weint' und wandte sich, zu fliehn;
Doch scheidend sprach sie: Diese Stund ist dein;
Du bist des Lebens Schatten; wie der Baum
Im Sonnenlicht beschattet rings die Matten,
So wirft im lichtbestrahlten Weltenraum
Das große Leben rings des Todes Schatten;
Der Schatten schwindet mit des Baumes Fall,
Ich aber herrsche ewig ob dem All.
(aus dem Englischen von Adolf Strodtmann)